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Wie der Vater 's Christkindl "schickte"

Weihnachtsgeschichte von einer Bergbäuerin im Berchtesgadener Land

 

Im vorigen Jahrhundert gab es auf den Bergbauernanwesen selten einen Christbaum. Auch mein Vater erzählte, dass er erst den ersten Christbaum sah, als er als Knecht zu einem Steinbruchbesitzer kam und mit dessen Familie Weihnachten feierte. Die Kinder durften damals jedes einen Teller vor das Haus oder auf die Stiege stellen und das Christkind legte jedem Kind etwa rein. Es war nicht viel, einige kleine Lebkuchenplätzchen und etwa Spielzeug, Berchtesgadener Heimarbeit und für die Schulkinder ein paar Griffel. Doch war die Freude der Kinder ebenso groß, wie bei unseren Kindern über die schönen Sachen die sie an Weihnachten bekommen. Weihnachtskrippen gab es schon.

Über den Hl. Abend des Jahres 1882 erzählte meine Mutter oft. Die Glocken haben zu Ehren des Christkinds geläutet und die meisten Menschen freuten sich auf den Hl. Abend und die Feiertage. Im kleinen Berglehen aber war noch große Trauer. Hatte man doch erst vor 14 Tagen den geliebten Vater in den Friedhof hinunter getragen. Er war nach langer schwerer Krankheit gestorben und hinterließ die Witwe mit den acht Kindern, von denen das Älteste gerade aus der Werktagschule entlassen und das Jüngste erst eineinhalb Jahre alt war. Gewiss war auch hier alles festlich geputzt. In der Stube war es warm. Die Kinder hatten die Weihnachtskrippe aufgestellt. Ein kleines Öllämpchen brannte in einem roten Glas. Die Mutter deckte den Tisch mit einem schneeweißen Leinentischtuch. Den Flachs dazu hatte sie selber noch als Mädchen gesponnen. Dann zündete sie die Mettenkerze an. In ein Rauchpfännlein legte sie Kohlen und streute Weihrauch darauf. Der älteste Bub nahm das Weiwasserkrüglein und so gingen die beiden betend durch das Haus in den Stall und um das Haus herum. Es wurden gemeinsam alle drei Rosenkränze gebetet. Nach der abendlichen Stallarbeit wurde gegessen, an den Rauhnächten Rohrnudeln und Zwetschgentunke.

Nach dem Essen wollten die Kinder die Teller auf die Stiege stellen. Doch die Mutter sagte, lasst die Teller da, wir haben große Trauer, da wird das Christkind nicht kommen. Die Mutter setzte sich mit den Kindern auf die Ofenbank und die älteste Tochter las das Weihnachts-Evangelium vor. Alle waren traurig, nur der fünfjährige Anderl schaute immer wieder beim Fenster hinaus. Er konnte nicht glauben, dass das Christkind nicht kommt. War doch der Vater im Himmel oben und da müsste er doch das Christkind schicken. Plötzlich rief er, das Christkind kommt und alle sahen schon einen hellen Lichtschein an den Fenstern.

 

Die Mutter ging hinaus und öffnete die Haustüre, dann kam das Christkind in die Stube. Es war groß und ganz weiß gekleidet und hinter ihm ging der Nikolaus. Er hatte einen langen, weißen Bart und trug einen Rückenkorb, den er auf den Boden stellte. Das Christkind hatte einen schönen Christbaum, an dem viele Lichter brannten und auf dem schönes, kleines Backwerk hing, auf den Tisch gestellt. Aus dem Korb nahm er eine große Schachtel mit vielem Kleingebäck so schön und gut wie die Kinder es noch nie gesehen haben. Dann gab er noch jedem Kind ein Päckchen. Das letzte im Korb war das größte und schwerste, das hob der Nikolaus heraus und gab es der Mutter. Dann sagte er zu ihr: "Das gehört dir, tu nicht verzagen, es wird alles wieder recht werden", und den Kindern ermahnte er: "Bleibt brav und tut der Mutter folgen". Dann nahm er den Rückenkorb und die Laterne. Mutter und Kinder konnten nur noch schnell "Vergelt's Gott" sagen. Mit dem Gruß behüt Euch Gott gingen Christkind und Nikolaus hinaus in die Winternacht.

Alle sahen den beiden nach wie sie auf dem Weg nach Berchtesgaden gingen und das Licht im Wald verschwand. Der kleine Anderl aber sagte ganz stolz, "ich habe ja gewusst, dass der Vater das Christkind schickt". Alle Kinder öffneten ihre Päckchen und sie freuten sich. Der Schmerz um den Vater war nicht mehr so groß. Sie wussten ja, er war im Himmel. Auch die Sorgen der Mutter wurden leichter. Im Paket waren viele Sachen, die sie notwendig brauchte und nicht kaufen konnte. Sogar ein kleines Geldtäschen war dabei, darin lagen Geldstücke und sie konnte davon die Schulden, die sie noch hatte, bezahlen.

Als es Zeit zur Christmette wurde, ging die Mutter mit den größeren Kindern in die Kirche. Die Kleinen schliefen bereits und die älteste Schwester blieb bei ihnen daheim. Die Mutter traf nach der Christmette ihren Bruder Franz und seine Frau, diese waren Hausmeister in einem schönen großen Haus, das zwei reichen Engländerinnen gehörte. Sie erzählte ihnen von dem Chriskind und sagte noch, wenn ich nur wüsste, wer es war, dass ich danken könnte. Franz freute sich, dass er als Nikolaus sogar von ihr nicht erkannt wurde. Die beiden Damen kannten die Mutter und wollten ihr und den Kindern an Weihnachten eine Freude machen. So haben sie eben für die Mutter eingekauft und der Hausmeister wurde dabei als Nikolaus geschickt. Eine junge Verwandte war damals bei den Engländerinnen auf Besuch und diese hatten sich als Christkind verkleidet.


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