Geschichte von Berchtesgaden

Ausflugsziel Salzbergwerk Berchtesgaden
Eine geistliche Gründung
Um 700 schenkte Herzog Theodor von Bayern dem Salzburger Bischof Rupertus zwei Almen am Unterlauf der Ache: Gauzo und Ladusa. Es ist die erste greifbare geschichtliche Mitteilung über Berchtesgaden. Die Nachrichten fließen auch weiterhin spärlich. Man weiß gerade, dass das riesige Waldgebiet im 10. und 11. Jahrhundert zum Salzburggau gehörte. Dieser wiederum stand unter der Herrschaft der Aribonen. Der Aribone Perther soll Namensgeber sein: Perthersgaden.
"Ein furchtbarer Wald, der vor dauernder Kälte und schrecklichem Schnee starrt, eine weite Einöde, die vor gar nicht langer Zeit eine Brutstätte der Drachen war", berichteten die Laienbrüder aus dem Kloster Rottenbuch. Sie waren ausgeschickt worden, das Gebiet für eine Klostergründung zu erkunden. Gebhard von Sulzbach hatte die Gründung gelobt, starb jedoch, bevor er sie verwirklichen konnte. Erst Sohn Berengar kam dazu, das Gelöbnis zu erfüllen.
Das Stift fand große Förderung durch die jeweiligen Päpste. Papst Paschalis II. hatte 1102 (von Calixt II. 1121 nochmals bestätigt) Berchtesgaden als päpstliches Eigenkloster in den Schutz des Heiligen Stuhls genommen. Papst Innozenz II. verlieh 1142 dem Stift volle Zehentfreiheit und vor allem das höchst wichtige Recht der freien Propstwahl. 1455 gelang es dem Stift, sich von der Metropolitengewalt Salzburgs zu lösen und Rom auch in geistlichen Dingen direkt unterstellt zu werden.
1156 verlieh Friedrich Barbarossa Berchtesgaden mit der Goldenen Bulle das Forst- und Salzregal - allerdings nicht ganz uneigennützig. Der Stauferkaiser wollte in der Nähe des ihm wenig freundlich gesinnten Salzburg ein ihm verpflichtetes Gemeinwesen haben und dieses dem Salzburger Einfluss entziehen. Heinrich VI. bestätigte 1194, wo es bereits erste Spannungen mit dem Salzburger Nachbarn gab, diese Rechte und erteilte Berchtesgaden außerdem die niedere Gerichtsbarkeit. König Adolf von Nassau übertrug 1294 dem Propst die Blutgerichtsbarkeit und verlieh Berchtesgaden die völlige Reichsunmittelbarkeit. Der Weg zum selbständigen Landesherrn war frei.
In nicht ganz zwei Jahrhunderten waren die Berchtesgadener Pröpste selbständige Territorialherren. Zum Stand eines Reichsfürsten fehlte nur das Recht, an den Reichstagen teilnehmen zu dürfen. Aber bereits ab 1380 unter König Wenzel wurde das Klosterland als Reichslehen behandelt, und ab 1558 saß der Propst von Berchtesgaden im Reichstag unter den Fürsten. |
Die wirtschaftliche Basis: Salz und Holz
Salz und Holz boten dem jungen Staatswesen die wirtschaftliche Basis. Bereits 1191 wird von einem Salzabbau am Tuval, wie der mittelgebirgsähnliche Höhenzug zwischen Berchtesgadener Ache und Salzach in Nordfortsetzung des Hohen Göll hieß, berichtet. Zur gleichen Zeit schürfte man am Gollenbach nach Salz. Das erste Sudhaus stand in Schellenberg. 1517 begann mit dem Petersbergstollen der erste Salzabbau im heutigen Salzbergwerk. Eine zweite Sudstätte wurde in Frauenreuth errichtet. 1805 gab die Schellenberger Saline ihren Betrieb auf, 1928 Frauenreuth. Eine Pioniertat, von der die Welt sprach, war der Bau der Soleleitung von Berchtesgaden nach Bad Reichenhall durch Georg von Reichenbach im Jahre 1816/17.
Das Salz brachte nicht nur zeitweise Wohlstand, sondern forderte auch den Neid der Nachbarn heraus. Die Einwohner von Kuchl fielen in Schellenberg ein, um die Salzlager am Tuval zu vernichten, und die Reichenhaller zogen über den Hallthurm, vermauerten die Bergstollen und zerstörten die Salzpfannen. Durch diese Auseinandersetzungen und einen Berg von Schulden verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage. 1389 gelang es Salzburg - zunächst auf sechs Jahre -, Berchtesgaden zu übernehmen. 1392 verpfändete Berchtesgaden alle nutzbaren Rechte an Salzburg, und 1393 erkannte Papst Bonifaz IX. die vollständige Einverleibung an. Erst 1556, nach erneuten Kriegszügen, kurzzeitigem Waffenstillstand und vielen Verhandlungen wurde Schellenberg mit seiner Saline aus der Verpfändung gelöst.
Die Bevölkerung der Fürstpropstei bestand vorwiegend aus Holzfällern, Salinenarbeitern und Bergbauern, die Leibeigene waren und hohe Abgaben sowie Frondienste leisten mussten. Wollte sich der Propsteibewohner einen Fisch für den Eigenbedarf fangen, brauchte er, ebenso wie für die Eheschließung, die Genehmigung des Stiftes. Die Braut durfte nicht von auswärts kommen, der Bräutigam nicht das Land verlassen. Erst allmählich lockerten sich die strengen Bräuche: Die selbstbewusster werdenden Bauern forderten ihre Rechte.
Hundertzehn Käs und achtzehn Pfund Pfennig für ein Bauernlehen
Unter Propst Ulrich I., dessen Hauptaufgabe bei seinem Amtsantritt am Aschermittwoch 1377 war, den enormen Schuldenberg der Propstei abzutragen, konnten die Bauern die bisher auf Freistift verliehenen Güter kaufen. Einerseits sollten damit die aufmüpfigen Bauern beruhigt, andererseits die Kasse aufgefüllt werden. Da die meisten Bauern den Kaufpreis für ein ganzes Lehen aufzubringen nicht in der Lage waren, teilte man die Lehen. Der ungefähre Kaufpreis für den Teil eines Lehens: zwanzig Pfund Pfennig und jährliche Abgaben von mindestens hundertzehn Käs und achtzehn Pfund Pfennig an das Kloster. Für eine Tagschicht wurden 15 Pfennig gezahlt. Der Bauer musste allein für den Schuldendienst das ganze Jahr arbeiten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts standen die sich ausgebeutet fühlenden Bauern gegen das Stift auf. Kaiser Maximilian, von Stift und Untertanen zugleich angerufen, schickte zur Schlichtung Degenhard Fuchs zu Fuchsberg, der 1506 einen sehr zugunsten des Stiftes abgefassten Schiedsspruch fällte. Als „Fuchsbrief" ging er in die Geschichte dieses Berchtesgadener „Bauernaufstandes" ein.
Auf eine Marktlücke gestoßen
Vor allem im Winter, der arbeits- und brotlosen Zeit, mussten sich die Bauern nach zusätzlichem Erwerb umsehen. Das reichlich vorhandene Holz bot sich als billiges Arbeitsmaterial an. Die Berchtesgadener stießen dabei - wie man heute sagen würde - auf eine Marktlücke. Aus der Gelegenheitsproduktion von Hausgerät und Spielzeug wurde ein florierendes Gewerbe mit mehreren Handwerkszweigen. 1695 zählte allein die Zunft der Schachtelmacher 150 Meister, 62 Gesellen und 17 Lehrlinge. Bald jeder vierte Einwohner der Fürstpropstei übte irgendein Holzhandwerk aus.
Ruhige Zeiten waren es trotzdem nicht. 1611 versuchte wieder einmal der Salzburger Nachbar (diesmal: Wolf Dietrich von Raitenau), das Land mit Gewalt zu nehmen. Die Bayern kamen zu Hilfe, und an sie lehnte sich in dieser schweren Zeit die Fürstpropstei an. Die, wenn vielleicht auch nicht in diesem Ausmaß beabsichtigte, Folge: die 128 Jahre „kurkölnischer Administration". Sie brachten dem Stift von 1595 bis 1723 drei bayerische Prinzen als Pröpste, die zugleich Kurfürsten von Köln waren: Ferdinand II. (1594 bis 1650), Maximilian Heinrich (1650 bis 1688) und Josef Clemens (1688 bis 1723). Man bemängelte ihre häufige Abwesenheit, sie schufen aber trotzdem einiges: das fürstpröpstliche Hofbräuhaus, den Hochaltar der Stiftskirche, das Franziskanerkloster und die Kirche in Maria Gern.
Nach dem Tode von Josef Clemens lehnte das Stiftskapitel einen weiteren bayerischen Prinzen ab. Propst wurde Heinrich von Rehlingen. In seiner Regierungszeit entstanden die Kirchen in Ettenberg und Kunterweg. Sein Nachfolger Kajetan von Notthaft baute Schloss und Kirche von St. Bartholomä, und dessen Nachfolger, Graf Michael Balthasar von Christallnigg, Schloss Fürstenstein.
Die Chorherren bildeten inzwischen ein fast weltliches Kollegiat. Jeder wohnte mit eigener Hofhaltung im eigenen Haus. Ein Kapitular erhielt jährlich zwischen 700 und 1000 Gulden. Hinzu kamen Verpflegung, Kleidung, Bedienung und 500 Gulden extra sowie Zulagen für weitere Ämter und Geschenke. Dabei sah es im Lande alles andere als rosig aus. Die Emigration der evangelischen Bevölkerung (von 8000 Einwohnern verließen 1000 das Land) 1732/33 hatte einen beträchtlichen Aderlass gebracht. Das Holzhandwerk lag darnieder, ebenso die Salinen. Als Fürstpropst regierte der Erbauer des Schlosses Lustheim, Franz Anton von Hausen. Sein Nachfolger, Josef Conrad von Schroffenberg, bemühte sich, die Schuldenlast zu steuern. 1795 verpfändete er im sogenannten „Salinenvertrag" die Salzwerke für 50000 Gulden jährlich auf „ewige Zeiten" an Bayern. Doch alle Mühen und Pläne nutzten nichts. Dem Wirken dieses von der Aufklärung beeinflussten Regenten setzte die Säkularisation ein Ende: Am 26. Februar 1803, bereits schwer krank, unterschrieb er als 47. Berchtesgadener Fürstpropst die Entsagungsurkunde. Damit wurde unter die 700jährige Geschichte eines Landes ein Schlussstrich gezogen, die in ihrem Gesamtablauf wie in den Einzelheiten kaum ihresgleichen hat.
8276 Seelen und 5000 Tonnen Salz für Bayern
Vorübergehend kam Berchtesgaden an Toskana und Österreich, 1810 an Bayern. Den Wittelsbachern brachte das nicht nur 8276 Seelen und jährlich etwa 5000 Tonnen Salz, sondern auch ein Stück Land, das ihnen so gut gefiel, dass sie hier ihre Jagd- und Sommerresidenz aufschlugen. Zuerst wohnten sie in der einstigen fürstpröpstlichen Residenz, dann baute Maximilian II. die königliche Villa. Sein Sohn Ludwig II. verlebte hier einen Teil seiner Jugendjahre. Besondere Verehrung brachten die Berchtesgadener Prinzregent Luitpold entgegen, und noch heute kursieren Geschichten und Anekdoten um den „Poldi", wie die um die versehentlich offen stehende Hosentür seiner königlichen Hoheit. Der Erste Weltkrieg beendete diese Ära. Die Wittelsbacher mussten abdanken, und das königliche Schloss überließ man ihnen als Privatbesitz. Kronprinz Rupprecht wohnte hier von 1923 bis 1932 und stattete es zu einem der schönsten Privatmuseen aus. Auch heute wohnt die königliche Familie noch gelegentlich im Schloss.




























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