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Geschichte von Bad Reichenhall


Ungefähr bis zum Jahr 472 blieb die Provinz Noricum im Besitz der Römer, die sich dann zum Schutz des bedrohten Römischen Reiches nach Italien zurückzogen. Als die Völkerwanderung begann, suchten herumstreifende Nationen das Reichenhaller Gebiet heim. Man weiß, dass die wilden Horden des Hunnenkönigs Attila in Reichenhall einfielen und die Salzquellen verschütteten. Um 550 nahmen die "Baiwaren" vom Lande Besitz. Das Gräberfeld am Fuße des Schroffen mit reichen Beigaben zeugt von der damaligen Wohlhabenheit, die besonders vom Handel auf den "Bernstein-" und "Salzstraßen" beruhte. Der Glaubensbote Rupertus, von Herzog Theodo nicht nur mit dem Land um Salzburg „in zwei Meilen Umkreis" und den Almen Gauzo und Ladusa in Berchtesgaden, sondern auch mit 20 Salzpfannen und Brunnen in Reichenhall beschenkt, förderte die Salzquellen wieder zu Tage.

 

Agilolfinger und Karolinger

 

Der Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger und der Salzburger Bischof leiteten eine neue Geschichtsepoche ein. Unter der Tatkraft der Agilolfinger entwickelte sich Bayern zum nahezu selbständigen Land. Doch nur für einige Zeit. Die wiederholte Auflehnung Tassilos III. gab Karl dem Großen 788 Veranlassung, den Herzog abzusetzen. Durch Tassilos Sturz wird Reichenhall dem Imperium Karls des Großen eingegliedert. 803 ist "des Großen" Anwesenheit in Salzburg bekundet, und in Freilassing-Salzburghofen soll er die Abgesandten des Patriarchen von Jerusalem empfangen haben. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass er auch in Reichenhall selbst war. Jedenfalls beeindruckte seine Persönlichkeit das Volk derart, dass es diesen Kaiser für alle Zeiten bei sich behielt: im Untersberg.

 

Während karolingischer Zeit geschah einiges: Die Saalach wurde gegen den Staufen zugeführt, Uferschutzbauten (863 unter Ludwig dem Deutschen) bändigten die Hochwasser, und dem Wasserheiligen St. Zeno setzte man eine Kirche. Das Hallgebiet selbst unterstellte man den Hallgrafen, die den Schutz der Salzwerke und des Salzhandels sowie die Gerichtsbarkeit innehatten. Die Grafen von Plain hatten 901 ihren Sitz auf der Plainburg, die Gau- und Hallgrafen von Peilstein auf Karlstein. Der in Salzburghofen gelegene Königshof sollte dem Salzhandel als Stapelplatz dienen.

 

Die Herrschaft der Salzburger Bischöfe

 

Der Zusammenbruch des Karolingerreiches veränderte jedoch die herzogliche Gewalt. Bald waren die Bischöfe von Salzburg die eigentlichen Herren. Sie verstanden es, das ganze Gebiet mit den Salineeinkünften in ihre Hand zu bekommen. Der Erzbischof von Salzburg übte volle Herrschaftsrechte in Reichenhall aus. Durch Verschenken und Veräußern von Salzanteilen minderte er aber selbst seine Gewalt. Die meisten Salzbrunnenanteile und Pfannen gingen in die Hände geistlicher und weltlicher Grundherren. So war auch das Stift Berchtesgaden Besitzer von 15 Brunnenanteilen und 13 Sudhäusern in Reichenhall.

 

Nicht nur Reichenhall selbst, auch viele andere wurden reich durch das Salz. Laufen, Tittmoning, Burghausen, Mühldorf, Trostberg, Wasserburg und Rosenheim blühten auf. Sie lagen an den Salzstraßen, die über Land und Wasser gingen. Damals war die Saalach schiffbar, und die Salzach hinab schwammen die Salzplätten weiter zum Inn, zur Donau, nach Wien, Budapest und in den Balkan.

 

Raubzüge, Brände und die Berchtesgadener Konkurrenz

 

Trotz allen Wohlstandes, den das Salz brachte, waren das 11., 12. und 13. Jahrhundert von ständig aufflammenden Unruhen und Streit gekennzeichnet. Die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser griffen auch auf Reichenhall über. Die Bayernherzöge und Hallgrafen standen auf der Seite des Kaisers, die Salzburger Erzbischöfe auf seiten des Papstes. Salzburg verstärkte seine kirchliche Macht durch die Gründung des Klosters St. Zeno. Reichenhall aber hatte sich den bayerischen Herzögen unterstellt und zog mit Feuer und Schwert nach Salzburg. In der Zeit allgemeiner Verwirrung versuchten Sudknechte mit Erfolg, Sieden und Brunnen in ihre Hand zu bekommen. Es kehrte kaum Ruhe ein. 1166 zog Kaiser Friedrich Barbarossa mit bewaffneter Macht gegen Salzburg, hielt einen Hoftag in Laufen und unterwarf das Fürstentum. Immer wieder: Raubzüge, Brände und die Berchtesgadener Konkurrenz, gegen die man 1193 massiv vorging. 1196 begann Salzburg den Kampf und zerstörte Reichenhall; nur St. Zeno blieb verschont. Die Reichenhaller holten zum Gegenschlag aus, doch 1203 verwüsteten erneut die erzbischöflichen Truppen das herzogliche Gebiet. Die gegen Salzburg gerichtete Veste Gruttenstein entstand. Salzburg verlangte die Zerstörung. Friedrich II. legte sie 1229 zwar vertraglich fest, doch Herzog Ludwig, der Kelheimer, baute dagegen eine feste Mauer um die Stadt. Dreimal zerstörten feindliche Truppen die Stadt: 1196, 1265 und 1363. Trotz solchen kriegerisch-politischen Ungemachs, zu denen noch die "Schrecken des Mittelalters", Hochwasser und Brände, hinzukamen, schätzte der Fiskus im 14. Jahrhundert das Vermögen der Stadt Reichenhall höher ein als das von München. Zu einer Rezession kam es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

 

Mit dem Bau eines wasserbetriebenen Paternosterwerkes durch Erhard Han von Zabern, Büchsenmacher zu Salzburg, trat man 1440 ins Zeitalter der Technik ein. Herzog Albrecht IV. ersetzte bei Brunnenschacht und Quellbauten Holz durch gehauene Steine. Erasmus Grasser, einer der großen Bildhauer der Gotik, war berufen, die Sole von den Süßwassern zu trennen, und Grasser mauerte einen Marmorschacht, der das Eindringen der Süßwasser in die Brunnenstube verhinderte. Albrechts Söhne, Wilhelm IV. und Ludwig, führten das vom Vater begonnene Werk bis zur Vollendung durch Grasser fort.

 

Ein steiler wirtschaftlicher Aufschwung

 

Dem herzoglichen Salzproduktionsmonopol folgte bald das herzogliche Salzhandelmonopol. 1587 bis 1595 löste Herzog Wilhelm V. die noch von Privaten betriebenen Salzlegestätten ab und wandelte sie in Salzämter um. Das Salzwesen florierte. Es war ein wirtschaftlicher Senkrechtstart. Die Salzproduktion von bisher 170 000 Zentnern stieg 1540 auf 290 000 Zentner und erreichte 1606 einen Höchststand von 370 000 Zentnern. Doch die Auseinandersetzungen blieben nicht aus: diesmal zwischen Kurfürst Maximilian und Wolf Dietrich von Raitenau. Auch unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges hatte Reichenhall zu leiden. 1632 sank die Salzproduktion auf 150000 Zentner und 1648 auf 47000 Zentner.

 

Heimsuchungen durch die Pest, Plünderungen im Spanischen Erbfolgekrieg, Brandschatzung und österreichische Besetzung im Österreichischen Erbfolgekrieg - jedoch die Stadt ließ sich nicht unterkriegen. 1732 entstand, dem technischen Fortschritt angepasst, eine neue Saline, 1810 die Soleleitung nach Traunstein und Rosenheim (die erste „Pipeline" Reichenhall-Traunstein baute man 1610). Die friedliche Aufbauzeit unterbrach jäh ein Ereignis, das die Stadt mehr in Mitleidenschaft zog als die vergangenen Kriege: der große Stadtbrand vom 8. November 1834. In einem Sudhaus brach Feuer aus, und bis zum Morgengrauen lagen 246 Gebäude, darunter die ganzen Salinenanlagen, in Schutt und Asche. Nur 13 Jahre später erhob sich diese Stadt, die sich nie unterkriegen ließ, wie Phönix aus der Asche: Mit dem vom Brand mitgenommenen und wiederaufgebauten Schlösschen Axelmannstein als "Molke- und Solekuranstalt" war 1846 der erste Schritt zum Heilbad und Weltbad gemacht.



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